Mittlerweile
ist es Oktober 2012. Seit Juli habe ich mich von dem Land/ der Stadt
verabschieden müssen, welche/s seit 2007 in ihren Bann gezogen
hatte. Die Erinnerungen an ein Jahr voller Ereignisse, neuer Freunde
und an
den banalen Alltag einer Tartulanerin
verblassen. Ein Blick zurück führt uns zum Anfang August 2011, als
ich meinen Rucksack gepackt hatte und nach Tallinn flog. Jedoch ging
es noch nicht in die Wunschstadt Tartu, sondern zunächst auf einem
Jugendaustausch in Oonurme, Ostestland und zu einem Seminar in
Padise, Nord-Westestland. Danach erst trat ich meine Reise nach Tartu
an. Es war ein schwarzer Tag, denn nach zwei Projekten wollte ich
nichts sehnlicher als wieder nach Hause zu fliegen. Stattdessen stand
ich vor diesem großen grauen Wohnheim (Raatuse 22) und ließ mich
registrieren. In den fünften Stock sollte es gehen. Dies war
immerhin die erste gute Nachricht, da ich wusste, dass das vierte
Stockwerk als Erasmus - Stockwerk verschrien war. Die Hoffnung doch
noch mit Esten in eine Wohnung zu kommen, wurde jedoch zerstört, als
ich von einer Amerikanerin namens Morganne begrüßt wurde.
Allerdings war sie nicht meine Mitbewohnerin, sondern stattdessen
eine Serbin mit Namen Ana. In estnischen Wohnheimen teilt man sich
ein Zimmer, sofern man nicht nach einem Einzelzimmer fragt und somit
das Doppelte bezahlen müsste. Ich hatte den Plan, schnellstens aus
diesem Hullumaja
(Irrenhaus, so nannten wir das Wohnheim, weil es von innen und außen
grau ist) auszuziehen. Dieser Plan wurde aber nie in die Tat
umgesetzt, weil ich im Zuge meines Osteuropa-Direktaustausches
umsonst wohnen konnte und Ana und ich sehr schnell unzertrennlich
wurden. Unsere Wohngemeinschaft wurde vervollständigt durch die
Usbekin Qamarniso, die wie Ana einen Master in Tartu machte. Hingegen
waren Morganne und ich Gaststudenten für ein Jahr. Neben einer
unvergesslichen WG, traf man jeden Tag Menschen im Wohnheim, in den
Kursen oder in Cafés/ Bars, mit denen ich auch jetzt noch via
Facebook oder Skype kommuniziere.
An
Universitätskursen besuchte ich hauptsächlich den
Estnisch-Intensivkurs über ein Jahr lang, der mich nach 5-6 Stunden
Estnisch täglich auf ein Niveau gebracht hat, Zeitungen lesen zu
können oder Alltagsgespräche zu führen. Leider waren aber viele
Esten mehr interessiert Englisch oder sogar (nachts
in Bars) Deutsch
zu reden. Somit blieb uns nur das Estnisch um problemlos im Alltag zu
überleben oder beim Nationalfeiertag den estnischen Patriotismus
nahezu perfekt nachzuempfinden.
Meine
Leidensgenossen waren eine Gruppe Deutscher, die entweder in meinem
Sprachkurs waren oder anderweitig Estnisch auf dem gleichen Niveau
verstanden, sodass ich auch Deutsch neben Englisch täglich benutzte.
Mit dieser Gruppe verbrachte ich sehr viel Zeit, denn wir aßen,
kochten, langweilten, tranken, lernten und erkundeten die Gegend
zusammen und verbrachten alle estnischen Feiertage zusammen. Ich
denke an euch an dieser Stelle!
Während
es dunkle und später wieder viele helle Tage gab, erlebte ich so
manches als Student in einer Studentenstadt. Es war selten
langweilig, denn die Stadt bot ein vielfältiges Kulturprogramm: von
Chorkonzerten oder Vorträgen und Workshops in verschiedensten Museen
hatte man die Qual der Wahl. Ich selber verbrachte so einige Samstage
im Trükimuuseum
(Druckmuseum), in dem ich selber Notizbücher oder Postkarten
gestalten und drucken konnte. Mit Freunden gründeten wir einen
Kultursalon, indem wir über verschiedene Themen jede Woche aufs Neue
diskutierten. Nach einem Semester stellte man aber fest, dass das
Lotterleben ein Ende haben sollte – ein Ausgleich musste her: ich
trat dem Ultimate Frisbee Team bei, spielte Volleyball und ging oft
schwimmen. Außerdem hatte ich nur noch drei Tage Uni in der Woche,
sodass ich nebenher ein fünf-monatiges Praktikum im Deutschen
Kulturinstitut absolvieren konnte. Der Sport und das Praktikum gaben
mir neue Motivation, denn wie viele hatte ich ein Tief im Februar.
Eine Sache, worauf man wenig vorbereitet wird und eine, wenn auch
kurze, Zeit, die nicht vergessen werden sollte. Grund waren ein sehr
dunkler und kalter Februar und das Wechseln der Erasmus-Studenten.
Allerdings konnte ich mich glücklich schätzen viele Freunde zu
haben, die mehr als ein Semester in Tartu verbrachten. Zum Frühling
hin erlebte man den kompletten Wandel einer Stadt. Die Tage wurden
länger, die Fahrräder mehr auf der Straße und die Menschen standen
nachts wieder vor den Bars. Ein weiterer Höhepunkt bildeten die
Studententage: auf dem Programm stand etwa das Studenten-Sängerfest
oder die Walpurgisnacht, die man in den verschiedenen
Verbindungshäusern verbringen konnte. Bis Mitte Juni war die Stadt
voller Studenten, die Tartu mit so viel Leben erfüllten. Da ich bis
Mitte Juli blieb, bekam ich auch ein anderes Tartu zu Gesicht. Die
Stadt war leerer als in der kältesten Februar-Woche. Letztendlich
bin ich dankbar für ein facettenreiches Jahr in Tartu und die
Begegnung mit einzigartigen Menschen.
Nägemist
Tartu! Näeme varsti!
PS:
Die Trennung währte nicht allzu lange – im September war ich
nochmals dort. Das nächste Mal ist jedoch ungewiss…

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