Sonntag, 28. Oktober 2012

Ein verrücktes Jahr in Tartu oder was bleibt von einem Auslandsaufenthalt

Mittlerweile ist es Oktober 2012. Seit Juli habe ich mich von dem Land/ der Stadt verabschieden müssen, welche/s seit 2007 in ihren Bann gezogen hatte. Die Erinnerungen an ein Jahr voller Ereignisse, neuer Freunde und an den banalen Alltag einer Tartulanerin verblassen. Ein Blick zurück führt uns zum Anfang August 2011, als ich meinen Rucksack gepackt hatte und nach Tallinn flog. Jedoch ging es noch nicht in die Wunschstadt Tartu, sondern zunächst auf einem Jugendaustausch in Oonurme, Ostestland und zu einem Seminar in Padise, Nord-Westestland. Danach erst trat ich meine Reise nach Tartu an. Es war ein schwarzer Tag, denn nach zwei Projekten wollte ich nichts sehnlicher als wieder nach Hause zu fliegen. Stattdessen stand ich vor diesem großen grauen Wohnheim (Raatuse 22) und ließ mich registrieren. In den fünften Stock sollte es gehen. Dies war immerhin die erste gute Nachricht, da ich wusste, dass das vierte Stockwerk als Erasmus - Stockwerk verschrien war. Die Hoffnung doch noch mit Esten in eine Wohnung zu kommen, wurde jedoch zerstört, als ich von einer Amerikanerin namens Morganne begrüßt wurde. Allerdings war sie nicht meine Mitbewohnerin, sondern stattdessen eine Serbin mit Namen Ana. In estnischen Wohnheimen teilt man sich ein Zimmer, sofern man nicht nach einem Einzelzimmer fragt und somit das Doppelte bezahlen müsste. Ich hatte den Plan, schnellstens aus diesem Hullumaja (Irrenhaus, so nannten wir das Wohnheim, weil es von innen und außen grau ist) auszuziehen. Dieser Plan wurde aber nie in die Tat umgesetzt, weil ich im Zuge meines Osteuropa-Direktaustausches umsonst wohnen konnte und Ana und ich sehr schnell unzertrennlich wurden. Unsere Wohngemeinschaft wurde vervollständigt durch die Usbekin Qamarniso, die wie Ana einen Master in Tartu machte. Hingegen waren Morganne und ich Gaststudenten für ein Jahr. Neben einer unvergesslichen WG, traf man jeden Tag Menschen im Wohnheim, in den Kursen oder in Cafés/ Bars, mit denen ich auch jetzt noch via Facebook oder Skype kommuniziere.
An Universitätskursen besuchte ich hauptsächlich den Estnisch-Intensivkurs über ein Jahr lang, der mich nach 5-6 Stunden Estnisch täglich auf ein Niveau gebracht hat, Zeitungen lesen zu können oder Alltagsgespräche zu führen. Leider waren aber viele Esten mehr interessiert Englisch oder sogar (nachts in Bars) Deutsch zu reden. Somit blieb uns nur das Estnisch um problemlos im Alltag zu überleben oder beim Nationalfeiertag den estnischen Patriotismus nahezu perfekt nachzuempfinden.
Meine Leidensgenossen waren eine Gruppe Deutscher, die entweder in meinem Sprachkurs waren oder anderweitig Estnisch auf dem gleichen Niveau verstanden, sodass ich auch Deutsch neben Englisch täglich benutzte. Mit dieser Gruppe verbrachte ich sehr viel Zeit, denn wir aßen, kochten, langweilten, tranken, lernten und erkundeten die Gegend zusammen und verbrachten alle estnischen Feiertage zusammen. Ich denke an euch an dieser Stelle!
Während es dunkle und später wieder viele helle Tage gab, erlebte ich so manches als Student in einer Studentenstadt. Es war selten langweilig, denn die Stadt bot ein vielfältiges Kulturprogramm: von Chorkonzerten oder Vorträgen und Workshops in verschiedensten Museen hatte man die Qual der Wahl. Ich selber verbrachte so einige Samstage im Trükimuuseum (Druckmuseum), in dem ich selber Notizbücher oder Postkarten gestalten und drucken konnte. Mit Freunden gründeten wir einen Kultursalon, indem wir über verschiedene Themen jede Woche aufs Neue diskutierten. Nach einem Semester stellte man aber fest, dass das Lotterleben ein Ende haben sollte – ein Ausgleich musste her: ich trat dem Ultimate Frisbee Team bei, spielte Volleyball und ging oft schwimmen. Außerdem hatte ich nur noch drei Tage Uni in der Woche, sodass ich nebenher ein fünf-monatiges Praktikum im Deutschen Kulturinstitut absolvieren konnte. Der Sport und das Praktikum gaben mir neue Motivation, denn wie viele hatte ich ein Tief im Februar. Eine Sache, worauf man wenig vorbereitet wird und eine, wenn auch kurze, Zeit, die nicht vergessen werden sollte. Grund waren ein sehr dunkler und kalter Februar und das Wechseln der Erasmus-Studenten. Allerdings konnte ich mich glücklich schätzen viele Freunde zu haben, die mehr als ein Semester in Tartu verbrachten. Zum Frühling hin erlebte man den kompletten Wandel einer Stadt. Die Tage wurden länger, die Fahrräder mehr auf der Straße und die Menschen standen nachts wieder vor den Bars. Ein weiterer Höhepunkt bildeten die Studententage: auf dem Programm stand etwa das Studenten-Sängerfest oder die Walpurgisnacht, die man in den verschiedenen Verbindungshäusern verbringen konnte. Bis Mitte Juni war die Stadt voller Studenten, die Tartu mit so viel Leben erfüllten. Da ich bis Mitte Juli blieb, bekam ich auch ein anderes Tartu zu Gesicht. Die Stadt war leerer als in der kältesten Februar-Woche. Letztendlich bin ich dankbar für ein facettenreiches Jahr in Tartu und die Begegnung mit einzigartigen Menschen.

Nägemist Tartu! Näeme varsti!

PS: Die Trennung währte nicht allzu lange – im September war ich nochmals dort. Das nächste Mal ist jedoch ungewiss…

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